Montag, 24.09.2018 05:59 Uhr

Ein „Weiter so“ darf es beim DFB nicht geben

Verantwortlicher Autor: SE Frankfurt, 22.07.2018, 16:14 Uhr
Presse-Ressort von: SE Bericht 5033x gelesen

Frankfurt [ENA] Nach dem mehr als enttäuschenden Vorrunden-Aus bei der FIFA Weltmeisterschaft 2018 in Russland haben sich viele Größen des deutschen Fußballs zunächst öffentlich zurückgehalten. Mittlerweile hat die Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) sowie der sportlichen Leitung aus verschiedenen Ecken zugenommen – wie ich finde zu Recht. Ein Weiter so darf es in verschiedenerlei Hinsicht nicht geben.

Das Presseecho nach dem Debakel der Fußball Nationalmannschaft war groß. Gleichzeitig haben sich allerdings verschiedene „Lautsprecher“ des deutschen Fußballs zurückgehalten. Den ersten Hammer der öffentlichen Kritik holte Philipp Lahm raus. Lahm kritisierte seinen ehemaligen Trainer Löw und dessen „… kollegialen Führungsstil der letzten Jahre …“. Lahm lässt in seinem Beitrag in einem sozialen Netzwerk durchblicken, dass sich die jungen Spieler auf ihre eigene Karriere konzentrieren und dabei die Aufgaben eines Mannschaftsspielers in den Hintergrund rücken. Für den Umgang mit den Spielern sei nach Lahm ein autoritärerer Ansatz zielführend und er forderte vom Bundestrainer „… eine Kultur strafferer, klarerer Entscheidungen [zu] etablieren“.

Joachim Löw reagierte umgehend auf diese Kritik und stellt klar, dass er sich sehr wohl bewusst sei, „… wie wir mit jungen Spielern kommunizieren müssen und welchen Führungsstil sie brauchen.“. Diese und weitere Äußerungen von Löw zu dem Statement von Philipp Lahm lassen stark vermuten, dass Löw mit dieser Kritik weder gerechnet hat noch begeistert darüber ist. Die Fußball-Szene spekuliert auch darüber, ob Lahm mit diesem bewusst Aufsehen erregenden Beitrag Werbung für seinen sozialen Account machen bzw. sich als Kandidaten für einen hohen Posten beim DFB ins Spiel bringen wolle.

Einen Unterstützer für seine Annäherung an das DFB-Präsidium hat Philipp Lahm mindestens – Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München. Bei der Eröffnung einer Sonderausstellung des FC Bayern München von und für den ehemaligen Bayern-Trainer Jupp Heyneckes in der Münchener Erlebniswelt hatte sich Rummenigge auch zum DFB geäußert. Rummenigge fehle eine „… klare professionelle Handhabung der Krisenbewältigung…“ was ihn jedoch wenig wundere, „… weil der DFB eigentlich nur noch durchsetzt von Amateuren…“ sei.

Nach dem Vorrunden-Aus der deutschen Fußball Nationalmannschaft bei der EM 2000 hatte der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder gemeinsam mit den wesentlichen Bundesliga-Vereinen richtige Entscheidungen getroffen. Dieses professionelle Vorgehen vermisse Rummenigge aktuell beim DFB und seiner Führung. Folglich befürworte er einen Einstieg von Philipp Lahm beim DFB, „… weil Philipp diese Qualität hat…“. Von seiner Kritik ausgenommen hat Karl-Heinz Rummenigge jedoch explizit Jogi Löw.

Vergangenen Woche saßen außerdem die Regional- & Verbandspräsidenten mit ihrem Präsidenten Reinhard Grindel und dem Manager der Nationalmannschaft Oliver Bierhoff in der Frankfurter DFB-Zentrale zusammen. In der am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung heißt es, „… dass es an den sportlich Verantwortlichen und über viele Jahre äußerst erfolgreichen Köpfen der Nationalmannschaft keinen Zweifel gibt. Bundestrainer Joachim Löw und Oliver Bierhoff genießen wie die gesamte DFB-Spitze das Vertrauen der Regional- und Verbandspräsidenten, den sportlichen Umbruch einzuleiten und die Mannschaft in die Erfolgsspur zurückzuführen“. Interessant finde ich die Wortwahl vom „sportlichen Umbuch“, den Bundestrainer Löw und Bierhoff einleiten sollen.

Ohne Zweifel, nach einem Vorrunden-Aus der deutschen Fußball Nationalmannschaft bei einer WM sowie den bereits in den Freundschaftsspielen im Vorfeld der WM gezeigten Leistungen ist das Gesamtkonzept „… einer intensiven, tiefgehenden und selbstkritischen Analyse…“ (Pressemitteilung des DFB am 19.07.2018) zu unterziehen. Das allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits von einem „sportlichen Umbruch“ gesprochen wird, wobei die Analyse gemäß DFB-Auskunft bis spätestens 29. August 2018 läuft und Löw erste Erkenntnisse der Analyse erst am Freitag nach der Sitzung mit den Regional- und Landesverbandspräsidenten den DFB-Spitzen kommunizieren möchte, ist dann doch überraschend.

Auch wenn Löw zu (Zwischen-) Erkenntnissen aus der laufenden Analyse öffentlich noch keine Stellung bezieht, deuten sich Konsequenzen an. Löw werde „ab jetzt mit den Spielern die Gespräche suchen. Dann werden wir auch in personeller Hinsicht Entscheidungen treffen“. Diese werden spätestens am 29. August 2018 öffentlich, wenn Jogi Löw seinen Kader für die beiden Länderspiele gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich (06.09.2018) und Peru (09.09.2018) vorstellt. Aber ist wirklich ein „sportlicher Umbruch“ zu erwarten?

Eventuell wird der ein oder andere – auch gestandene – WM-Fahrer nicht mehr zum Aufgebot zählen. Interessant wird in diesem Zusammenhang bspw. der weitere Umgang mit Mesut Özil. Nach dem gemeinsamen Foto mit Recep Tyyip Erdogan im Mai hatten sowohl Özil als auch Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan berechtigte Kritik einstecken müssen. Gündogan hatte sich auch auf Druck des DFB zu dem Foto geäußert, Özil schwieg – bis heute. Seine auf Twitter veröffentlichte Stellungnahme kann auch als eine Art Rechtfertigung für das Foto verstanden werden. Darüber hinaus waren Özils sportliche Leistungen im Dress der Nationalmannschaft zuletzt wenig überzeugend. Wie der DFB damit umgeht bleibt abzuwarten.

Kritisch diskutiert wurde in den vergangenen Wochen auch das Spielsystem Löws und der Nationalmannschaft. Bei der WM haben die Mannschaften mit ausgeprägtem Ballbesitz-Fußball wenig geglänzt – neben der deutschen Fußball Nationalmannschaft sind hier auch die der Spanier oder der Argentinier zu nennen. Aber ist das schnelle Umschaltspiel aus einer kompakten Defensive das „neue“ Non-Plus-Ultra? Stellen Sie sich vor: Deutschland gegen Peru am 09. September 2018 und die deutsche Fußball Nationalmannschaft richtet sich auf schnelles Umschaltspiel und Konterfußball aus. Erwarten Sie ein mitreißendes Fußballspiel gegen – mit Verlaub – fußballerisch offensiv spielstarke Peruaner mit dem der deutsche Fußball-Fan nach der WM positiv gestimmt wird?

Aus meiner Sicht gibt es diverse Baustellen beim DFB: die Entfernung der Nationalmannschaft von den Fans (Anstoßzeiten, Ticketpreise, Marketing, Politik, etc.), der fehlende Schulterschluss zwischen dem DFB und den Vereinen der 1. Fußball Bundesliga (bspw. gemeinsame Aufbereitung der aktuellen Situation und Neuausrichtung; denn die Spieler der Nationalmannschaft haben immer noch einen Verein und dieser muss mitgestalten), der Umgang mit Herausforderungen und Krisen der sportlichen Akteure und DFB-Funktionäre (z. B. Verhalten nach dem 2:1 von Toni Kroos gegenüber der schwedischen Bank) neben dem Platz sowie der zuletzt wenig attraktive und erfolgreiche Fußball.

Ein Weiter So darf und wird es daher meiner Meinung nach nicht geben. Und da ich grundsätzlich optimistisch geprägt bin, möchte ich zum Schluss noch einen positiven Aspekt aus der aktuellen Situation beim DFB ziehen: Die von mir kritisch gesehene UEFA Nations League (noch ein Wettbewerb, noch mehr Pflichtspiele für Nationalspieler, noch mehr Vermarktungsmöglichkeiten, etc.) wird direkt von Beginn an für den DFB und Fußball-Fan interessant. Denn ein „Wir gehen das mal gemütlich an, experimentieren und gucken was am Ende dabei raus kommt“ kann es vom DFB und der deutschen Nationalmannschaft nach der WM (eigentlich) nicht geben.

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